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Völkische Gruppe und Sektierer beherrschten nach dem Kaiserreich überall in Deutschland die politische Szene. Doch nirgends lebten sie ihren Radikalismus so aus wie im antisemitischen Mileu der bayrischen Hauptstadt München. Hier trafen sie auf einen besonders guten Nähboden: Die Ausrufung einer bolschwistischen Räterepublik, deren Anhänger Mord und Totschlag auch an Unschuldigen begingen, verlieh ihnen scheinbar die Legitimation, im anarchistischen Chaos Recht und Ordnung wieder herzustellen. Entsprechend grausam schlugen Rechtsradikale nun ihrerseits die bolschewistische Herrschaft nieder. Im Schatten dieser Nachkriegswirren entwickelte sich der 1891 gegründete "Alldeutsche Verband" als Hort deutschvölkischen Geistes mit stark antisemitischen Prinzipien besonders gut. Zählte er 1914 etwa 18 000 Mitglieder, verzeichnete er 1922 schon 40 000, obwohl andere Vereine mit ählichen Ideologien ihm stake Konkurrenz bereitetem. Die "Thule-Gesellschaft", eine der Konkurrenten von Rudolf (Baron) von Sebottendorff 1918 als rechtsgerichtete Organisation gegründet, übernahm das gedankengut des 1912 ins Leben gerufenen virulent antisemitischen "Germanenordens", der nach 1921 zu einer Tarnorganisation für die Rekrutierung politischer Attentäter umfunktioniert wurde. Die "Thule-Gesellschaft" entwickelte sich bald zum Sammelbecken Unzufriedener, die sich durch die Nachkriegsereignisse zwar an den politischen und gesellschaftlichen Rand gedrängt fühlten, aber über genügend Geldmittel verfügten, um sich weiter zu behaupten. Die Mitglieder - in Bayern etwa 1 500 - trafen sich in Münchens elegantem Hotel "Vier Jahreszeiten", so der Verleger Julius F. Lehmann, umtriebige Journalisten und Weltverbesserer wie Dietrich Eckart, Chefredakteur des Tagblatts "Münchner Beobachter"m Gottfried Feder, Rudolf Heß und Alfred Rosenberg. Die Mitgliederliste wies überwiegend Anwälte, reiche Geschäftsleute, Universitätsprofessoren, Aristokraten, Richter, Industrielle und Wissenschaftler auf. Vom "Germanenorden" übernahm die Thule-Gesellschaft auch okkulte Rituale, eine geheime Symbolsprache und ein esoterisch-germanisches Sprachkauderwelsch. Am 9. November 1918, unmittelbar nach der Kapitulation, versammelte der Thule-Gründer Sebottendorff die Vereinsmitglieder um sich und hielt eine monarchistisch-antisemitisch-ariosophisch leidenschaftliche Rede: "Wir erlebten gestern den Zusammenbruch alles dessen, was uns vertraut, was uns lieb und wert war. An Stelle unserer blutsverwandten Fürsten herrscht unser Totfeind: Juda. [...] Eine Zeit wir kommen des Kampfes, der bittersten Not, eine Zeit der Gefahr![...] Solange ich hier den eisernen Hammer halte, bin ich gewillt, die Thule in diesem kampf einzusetzen! [...] Unserer Orden ist ein Germanenorden. germanisch ist die Treue. Unser Gott ist Walvater, seine Rune ist die Arrune. Und die Dreiheit: Wodan, Wili, We ist die Einheit der Dreiheit [...] Die Arrune bedeudet Arier, Urfeuer, Sonne, Adler. Und der Adler ist das Symbol der Arier." Sebottendorff war keineswegs nur ein ariosophischer Spinner. Er entwickelte sich zum wichtigsten Organisator der nationalistischen Reaktion auf Kurt Einers Regierung und die Münchner Räterepublik. Eisner, Sohn eines jüdischen Fabrikanten, stand seit 7. November 1918 an der Spitze des von ihm ausgerufenen republikanischen Freistaates Bayern. Die Republik stand von Anfang an unter einen Unstern, denn Eisner verstand es nicht, als Vorsitzender der linksradikalen Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) der partei ein fundiertes Programm zu geben. Die Landtagswahlen im Januar 1919 endeten daher mit schweren Verlusten für die USPD und zwangen Eisner, den Rücktritt seines Kabinettes anzubieten. Auf dem Weg zum Landtag ereilten Eisner am 21. Februar 1919 die tödlichen Kugeln eines Attentäters. Anton Graf von Arco auf Valley, ein junger Jude, streckte ihn mit zwei Pistolenschüssen nieder. Von Arco handelte aus persönlichen Motiven, will man ihm und den Gerichtsprotokollen Glauben schenken: Auf Grund seiner jüdischen Herkunft hatte ihn die Thule-Gesellschaft aus ihren Reihen verstossen. Um dennoch seine nationale gesinnung unter beweis zu stellen, erschoss er Eisner.In den Wirren um die Nachfolge Eisners ergriffen anarchistische Linksradikale die Macht und riefen die Bayrische Sowjetrepublik aus. Willkür und Rechtsunsicherheit beherrschten nun die Stadt. Am 26. April 1919 stürmten Angehörige der "Roten Armee" die Vereinsräume der Thule-Gesellschaft. Nachdem sie die Einrichtung zerstört hatten, ermordeten sie sieben Anwesende, unter ihnen Prinz Gustav von Thurn und Taxis. Die bisher lethargische Stimmung der bevölkerung schlug plötzlich gegen die Bolschwisten um. Sebottendorff verstand es, einen Aufstand zu inszenieren, der den zur Befreiung Münches anmarschierende rechtsgerichteten Freischaren - den "Weißen" - entgegenarbeitete. Die "Roten" mussten fliehen oder sie wurden niedergemacht. Über 1 000 Menschenleben forderte die Niederschlagung der Räterepublik. Sebottendorff sah die Chanze seines Lebens gekommen. Auf der politischen Erfolgswelle schwimmend erteilte er dem populärem Sportreporter der "müncher-Augsburger Abendzeitung", Karl Harrer, den Auftrag, einen "Politischen Arbeiterzirkel" zu gründen. Ziel war es, der Arbeiterklasse die nationalistische Ideologie schmackhaft zu machen. Entgegen aller Erwartungen blieb Harrer der Erfolg verwehrt, zu den einberufenen Versammlungen kamen selten mehr als sieben Zuhörer. Erst als der Eisenbahner und Thule-Angehörige Anton Drexler zum Verein stieß und Kollegen aus der Lokomotivenfabrik motivierte, an den Vereinsabenden teilzunehmen, wuchs die Zuhörerschaft. Der Klub verharrte weiterhin in Bedeutungslosigkeit, auch als er am 5. januar 1919 seinen Namen auf "Deutsche Arbeiterpartei" (DAP) änderte. Drexler hatte neue Satzungen entworfen. die sich den Kampf gegen Kapitalismus, Wucher und Preistreiberei zum Ziel setzten. Alle geistig und körperlich schaffenden Volksgenossen sollten in der DAP vereinigt werden, die nur ein "deutscher Führer" leiten durfte. Hitler, in dieser Zeit Spitzel und V-Mann der bayrischen Reichswehr, erhielt am 12. Septemer 1919 den Auftrag, die DAP während einer ihrer Versammlungen routinemäsig zu beobachten. Er fand an den ehrgeizigen Zielen der Partei gefallen, die er später eine "lächerliche kleine Schöpfung" nannte: Sie war nur eine von 73 völkischen Gruppen im Reich. Doch statt nur zu bespitzeln, ergriff Hitler eährend der Versanstaltung selbst das Wort und beeindruckte die 40 Anwesenden mit einer flammenden Rede. Drexler erkannte Hitlers Gabe und lud ihn ein, der Partei beizutreten. Hitler wurde als 55. Mitglied registriert. Später behaupteten die Nationalsozialisten, Hitler wäre das siebente Mitglied gewesen. Das ist genau so falsch wie die Zahl 555, die auf Hitlers Mitgliedskrate steht: Um den Eindruck einer zahlreichen Anhängerschaft zu erwecken, zählte die DAP ihre Mitglieder ab 500. Einen Monat nach Hitlers Eintritt in die Partei wagte sich die DAP an eine breitere Öffentlichkeit. In zeitungsanzeigen und Werbeplakaten machte sie auf ihre Versammlungen und ihren Starredner Adolf Hitler aufmerksam. Zu seinem siebenten Auftritt Ende 1919 kamen bereits 400 Zuhörer. Dabei unterschieden sich Hitlers Vorträge inhaltlich kaum von denen anderer völkisch-nationaler Redner: Er prangerte den Freiden mit den Alliierten an und nannte in das "Schanddiktat von Versailles". Er verurteilte den "Dolchstoss", den angeblich Sozialdemokraten und Bolschwisten aus der Heimat gegen die ungeschlagene Armee an der Front geführt hatten. Er nannte die demokratischen Abgeordneten des Reichtages "Novemberverbrecher", weil sie seiner Meinung nach das Reich in ein revolutionäres Chaos stürztrn, und verurteilte "Juda, den Weltenvernichter", der zu allem die Fäden zog. Hitler brachte in den Münchner Bierkellern nicht Neues vor. Doch für die Zuhörerschaft war nicht der Inhalt seiner Ausführungen wichtig, sondern wie er ihn vortrug. Hitler übte Kritik an den Parteiführern Harrer und Drexler, Mangel an Inspiration warf er ihnen vor. Schlieslich entwarf Drexler ein 23 Punkte umfassendes Parteiprogramm, dass im Zuge der Umbenennung der Partei in "Nationalsozialistische Arbeiterpartei" (NSDAP) am 24. Februar 1920 vorgestellt wurde. In dem Konglomerat aus rassistisch-nationalistisch-antikapitalistischen Ideen bildete die Forderungen nach einem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, der Rückgabe der ehemaligen Kolonien, der Wiederherstellung der deutschen Großmachtstellung, der Durchführung einer Bodenreform und der Verstaatlichung von Großunternehmen parteiideologische Schwerpunkte. Weitere Ziele waren die "Brechung der Zinsknechtschaft" der Banken und Börsen, die Einerziehung der Kriegsgewinne und die Ausbürgerung der Juden. Über das Profil der Partei sagte das Programm nichts aus. Für Hitler selbst war das Parteiprogramm unwichtig. Es diente ihm nur, um sich als Hüter der nationalen Idee gegenüber anderen völkischen Gruppen zu profilieren. Und er hatte Erfolg, weil er einen Aspekt immer wieder seine Agitation einbrachte, den Hass auf Juden.
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