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Die erste Phase der nationalsozialistischen Schulpolitik ist durch vergleichsweise mäßige Dynamik bei der weltanschaulichen Umgestaltung gekennzeichnet. Die Jahre von 1933 bis 1936 dienten in erster Linie der Machtkonsolidierung im Schulwesen. Die Nationalsozialisten beschränkten sich auf die personelle Ausschaltung politischer Gegner, auf die Ausschließung jüdischer Lehrer, später auch der jüdischen Schüler aus dem öffentlichen Schulwesen, auf ihnen genehme Stellenbesetzungen, auf die Vergrößerung des Einflusses des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB) und die Schließung von Privatschulen, setzten aber keine grundsätzlichen Änderungen des Schulsystems selbst durch. Sie enttäuschten damit die Reformerwartungen vieler Anhänger, vergrößerten aber die Massenloyalität, die in diesen Jahren so bedeutsam dafür war, daß Hitler sich als Führer etablieren konnte.
Die Einflußnahme auf Unterrichtsinhalte blieb begrenzt; außer neuen Richtlinien für Geschichtsbücher und einem Erlaß zur Berücksichtigung von Rasse und Vererbung in Abschlußklassen wurden keine Veränderungen am Profil der Lehre vollzogen. Später wurde die Rassenkunde zum »Unterrichtsprinzip« erklärt. In der Praxis wurde der rassenkundliche Unterricht meist in das Fach Biologie eingebaut. Zu der ursprünglich geplanten Einführung eines Faches »Staatsbürgerkunde« kam es nicht. Bereits 1933 wurden jedoch NS-Rituale im Schulleben verbindlich gemacht: der Hitlergruß zu Beginn des Unterrichts und die Flaggenehrung bei Schuljahresbeginn. Eine zweite Phase der NS-Schulpolitik von 1937 bis 1941 ist durch stärkere Eingriffe mit dem Ziel struktureller Vereinfachungen gekennzeichnet. Das höhere Schulwesen wurde auf drei Formen beschränkt: auf die Oberschule für Jungen, die Oberschule für Mädchen – beide mit naturwissenschaftlichem und sprachlichem Zweig – und auf das zahlenmäßig drastisch beschnittene Humanistische Gymnasium. Jungen- und Mädchenbildung blieben damit grundsätzlich getrennt. Die Oberprimen fielen weg. Man hielt aber weiterhin an der achtjährigen Volksschule fest, die nunmehr als Gemeinschaftsschule entkonfessionalisiert wurde. Der Übergang zu den weiterführenden Mittel- und Höheren Schulen fand nach wie vor nach dem 4. Schuljahr statt. Auch das duale System der Berufsschulen blieb in Kraft. Gefördert wurden Fach-, Techniker- und Ingenieurschulen. Dagegen kam es bei der Volksschullehrerausbildung durch die Einrichtung von Hochschulen für Lehrerbildung anstelle der Pädagogischen Akademien, die wissenschaftlichen Charakter gehabt hatten, zu einer Änderung; später im Krieg wurden Lehrerbildungsanstalten eingerichtet, die den Zugang auch ohne Reifeprüfung erlaubten. Auch in ökonomischer Hinsicht wurde die Volksschule benachteiligt, während in sozialer Hinsicht sowohl das Stadt-Land-Gefälle als auch auch das Klassengefälle beim Schulbesuch fast unverändert blieben. An einzelnen Oberschulen führte die Einführung von Förderklassen, die den Weg zur Obersekunda auf drei Jahre (statt sechs Jahre im Normalfall) verkürzten, zu einer stärkeren Öffnung für kleinbürgerliche und proletarische Familien. Auch der Fächerkanon und die Stundentafel blieben weitgehend erhalten, die Leibesübungen wurden mit 4-5 Wochenstunden deutlich gefördert. Die Bildungsinhalte erhielten einen charakteristischen Drall: Im Geschichtsunterricht traten u. a. das Reich des Mittelalters, die Ostsiedlungen, die preußische Großmachtbildung, die Abqualifizierung der Französischen und der anderen liberalen und sozialistischen Revolutionen stärker als bisher in den Vordergrund. Das Unterrichtsziel lautete: Begeisterung für vaterländische Größe und Heroismus sowie Verständnis für die schöpferischen Kräfte des Volks wecken. Im Erdkundeunterricht wurden geopolitische Momente betont, der Biologieunterricht vermittelte Abstammungs- und Rassenlehre, der Deutschunterricht bekam heroisierende und deutschtümelnd, die Innerlichkeit beschwörende Züge, der Musikunterricht pflegte das Liedhafte und Musikantische, der Kunstunterricht blieb konventionell antimodern, die neueren Sprachen vermittelten, vor allem nach Kriegsbeginn, nur einseitige Einblicke in die englische und französische Kultur, in den Mathematikbüchern benutzte man die sogenannten eingekleideten Aufgaben, um die nationalsozialistische Ideologie zu verbreiten.
In der Unterrichtspraxis gab es viele Stolpersteine in Form unklarer Vorstellungen eines NS-Geschichtsbildes, einer NS-Kunst, -Musik usw. Es dauerte Jahre, bis nationalsozialistisch ausgerichete Lehrbücher geschrieben und gedruckt waren. (Im Geschichtsunterricht der Oberschulen war z. B. das neue Lehrbuchwerk für die Oberschule Volk und Führer erst im Schuljahr 1939/40 einsetzbar.) In der Regel hatten nationalsozialistisch ausgerichtete Unterrichtsinhalte ihren Ort neben anderen, nicht an Stelle von anderen Inhalten. Ein Lehrer, der keinen nationalsozialistisch gefärbten Unterricht erteilen wollte, gab auch keinen oder gab ihn so, daß niemand ihn ernst nahm. Die Grenzen der Indoktrination lagen in den vielen Nischen, in welche die Lehrer ausweichen konnten. Da in der Lehrerschaft jedoch konservative Positionen weitverbreitet waren, konnten die weniger radikalen Momente der NS-Pädagogik auch ohne weiteres von Nichtnationalsozialisten übernommen werden, z. B. ein heroisches, auf Macht und Größe abgestelltes Geschichtsbild oder die verinnerlichenden und antimodernistischen Züge im Deutsch- und Kunstunterricht. Autoritärer Unterrichtsstil war auch bei nichtnationalsozialistischen Lehrern durchaus die Regel. Kurz: Die staatliche Schule wies keine braune »Flächenfärbung« auf, dagegen war sie in unterschiedlichem Maße braun »gesprenkelt«. Während der nationalsozialistische Zugriff auf die Schulen nur Teilerfolge aufzuweisen hatte, schien sich ein Weg zu einer wirksameren NS-Erziehung in der Umwandlung von Internatsschulen in nationalsozialistische Ausleseschulen zu öffnen. Die Internatserziehung bot schon wegen der viel günstigeren Beeinflussungsmöglichkeiten – Abwesenheit des Elternhauses, ganztägige Überwachung – einen vielversprechenden Ansatzpunkt für eine totale Erfassung der Zöglinge. Die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (Napola) und die Adolf-Hitler-Schulen (AHS) wurden aus Prestigegründen gern als Eliteschulen oder Ausleseschulen deklariert. Das blieb jedoch Programm. Weder brachten diese Schulen den NS-Führungsnachwuchs hervor, noch waren sie in ihren Leistungen besser als andere Schulen. (Diese Ausleseschulen sind nicht zu verwechseln mit den Schulungsstätten der NSDAP wie den Ordensburgen, den Junkerschulen der SS oder der Reichsführerschule der HJ.) Die Adolf-Hitler-Schulen wurden ab 1937 eingerichtet. 1939 gab es 32 solcher Heimschulen. Die Initiative ging vom Reichsorganisationsleiter der NSDAP Robert Ley aus, dem es vorübergehend gelang, Einfluß auf die Schulerziehung zu nehmen. Er bewog Hitler dazu, seinen Namen für einen neu zu schaffenden Schultyp zur Verfügung zu stellen. In der Öffentlichkeit stellten sich die Adolf-Hitler- Schulen als revolutionäre Institution dar, in der eine nach charakterlichen, körperlichen und geistigen Merkmalen ausgelesene Schülerschaft auf die Aufgaben einer zukünftigen politischen Führerschaft im »neuen Deutschland« vorbereitet werden sollte. Hier lockten Aufstiegschancen. Dies mag ein Grund dafür gewesen sein, daß besonders viele Kinder von Angestellten, darunter hauptamtliche Parteiangestellte, und Beamten in die AHS geschickt wurden; auch der Anteil von Arbeiter- und Bauernkindern war erheblich größer als auf den höheren Schulen – nicht zuletzt wegen der vielen Freiplätze. Dagegen verweigerten sich die akademischen Elternhäuser auffällig. Die kurze Lebensdauer des Dritten Reiches verhinderte die Verwirklichung der Aufstiegsversprechen. Der Erziehungsalltag der AHS war auf die vagen Vorstellungen einer nationalsozialistischen »Charakterformung« abgestellt, womit »Bewährung«, fanatischer Glaube, Einsatzwille und Gemeinschaftserziehung gemeint waren. In der kleinen Münze des Alltags lief das im wesentlichen auf die Einübung von Gehorsam und Drill hinaus, mit hier und da aufgesetzten Glanzlichtern durch Feier und Ritus. Da die AHS ein der Reifeprüfung gleichberechtigtes Abgangszeugnis verlieh, orientierte sich das Lehrangebot am Kanon der Oberschule, der ja alles andere als im nationalsozialistischen Sinne revolutionär war. Dies bedeutete, daß die Ambivalenz, wie sie im normalen Schulwesen existierte – hier das Moment der Lernschule, dort die Forderung nach weltanschaulicher Formung – auch durchaus in den AHS zu finden war. Die ersten Nationalpolitischen Erziehungsanstalten, im allgemeinen Sprachgebrauch Napolas genannt, wurden bereits 1933 vom damaligen Reichskommissar im Preußischen Kultusministerium, Bernhard Rust, durch Umwandlung ehemaliger Kadettenanstalten ins Leben gerufen. 1935 gab es elf, 1942 zwölf, 1944 35 Napolas, davon 22 im Altreich. Auch sie waren zahlenmäßig zu unbedeutend, um eine Konkurrenz zum herkömmlichen Schulsystem darzustellen. Immerhin zeigte der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei Heinrich Himmler Interesse an ihnen und schuf sich auf diese Weise ein Standbein im Erziehungswesen. Angesichts der außerordentlichen Machtausdehnung Himmlers lag für die Napolas darin eine Art Zukunftsversprechen. Es wurden jedoch nicht alle Internate oder Landerziehungsheime nationalsozialistisch umfunktioniert. In vielen von ihnen blieb ein konfessioneller oder jugendbewegter pädagogischer Fundus bestimmend, obwohl vielerlei listige Kompromisse eingegangen werden mußten, um die Schulen vor der Schließung zu bewahren. Die dritte und letzte Phase nationalsozialistischer Erziehungspolitik (1942-1945) fiel in die Jahre des total werdenden Krieges. Die meisten jugendpolitischen Maßnahmen lassen sich aus den Notwendigkeiten der Kriegführung herleiten, insbesondere die verfrühte Heranziehung zum Wehrdienst und die Evakuierungen der Jugendlichen aus den Gebieten, die unter dem alliierten Luftkrieg besonders zu leiden hatten. Die Ausnahmesituation des Krieges erlaubte es dem Nationalsozialismus, Maßnahmen durchzuführen, die in normalen Friedenszeiten nicht durchsetzbar waren. Von 1941 an mehrte sich die Heranziehung Jugendlicher zur Erntehilfe, zum Arbeitseinsatz und Befestigungsbau, ab Januar 1943 wurden die Schüler der Mittel- und Höheren Schulen nach dem 9. Schuljahr, das heißt im Alter von 16, ein Jahr später im Alter von 15 Jahren, klassenweise als Flakhelfer ( Luftwaffenhelfer) eingezogen, 1945 sogar die 15jährigen Lehrlinge der Berufsschulen. Die Einberufung zum Reichsarbeitsdienst (RAD) und zur Wehrmacht wurde kontinuierlich vorverlegt, das Einberufungsalter lag 1944 bei 17 Jahren; schließlich erfaßte die Kinderlandverschickung (KLV) alle Altersstufen von Schülern. Damit wurde die gesamte Erziehung einer tiefgreifenden Strukturveränderung unterworfen. Das Elternhaus fiel als Sozialisationsinstanz in vielen Fällen völlig aus, um so mehr, als »das Reich« sich für das Schicksal der Kinder zuständig erklärte und dem Elternhaus sein elementares Recht, für das Überleben der Kinder zu sorgen, streitig machte. An die Stelle des Elternhauses traten das Lager, die Gleichaltrigengruppe oder die militärische Einheit. Auch die Schule verlor rapide an Bedeutung. Seit 1943 kam die höhere Schulbildung nicht mehr über Mittelstufenniveau hinaus. Was an Unterricht außerhalb der Schule, etwa in den Flakbatterien oder KLV-Lagern, angeboten wurde, eignete sich kaum zur Aufrechterhaltung einer Schablone gegenüber der Öffentlichkeit. Aufgabenstellung und Berufsbild des Lehrers wurden in den KLV-Lagern radikal verändert. Die Lehrer mußten einen Teil ihrer Aufgaben an die HJ-Führer abgeben, sie waren kaum mehr als Kinderbetreuer, während sie in den Flakbatterien für die Luftwaffenhelfer eine Art inoffizieller Freizeitbeschaffer waren. Damit war Wirklichkeit geworden, was schon immer in den Erziehungsvorstellungen Hitlers, Baldur von Schirachs und anderer führender Nationalsozialisten ausgesprochen war: Verkürzung und Entwertung des auf Wissensvermittlung abgestellten Schulunterrichts, Erziehung durch Tat und Bewährung, die sich nun freilich als Aufopferung der Jugendlichen in einem hoffnungslosen Krieg erwies. Der Machtverlust der bisherigen Institutionen der Jugenderziehung, des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Unterricht und der Reichsjugendführung, zugunsten des unmittelbaren Einflusses der Kanzlei des Führers unter Martin Bormann war nur der konsequente Schlußpunkt dieser Entwicklung.
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