Küstenartillerie im Kampf

Mit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht konnten auf der Marine-Artillerie-Schule in Swinemünde regelmäsig neue Soldaten für die sieben Marine-Artillerie-Abteilungen ausgebildet werden.
Die Soldaten der Marine-Artillerie trugen die feldgraue Uniform, die sich von der des Heeres durch die goldgelbe Farbe der Abzeichen un Litzen unterschied. Das Laufbahnabzeichen war eine geflügelte Granate.
Nun wurden auch von der Industrie neue Geschütze entwickelt und gebaut, natürlich in erster Linie als Schiffsartillerie gedacht.
Bei der Entwicklung der Geschütze für die Schlachtschiffe vom Typ F und G ("Bismarck" und "Tirpitz") erinnerten aich die Ingeneure von Krupp der ausgereiften Konstruktion der 38-cm-SK L/45 des 1. Weltkrieges. Die Lauflänge wurde auf 50 Kaliberlängen erhöht und bei einem zunehmenden Rechtsdrall von 1/38 auf 1/30 die Anzahl der Züge von 100 auf 90 reduziert.
Bis Ende des jahres 1934 konnte diese Weiterentwicklung unter der Modellbezeichnung 38-cm-SK C/38 in der Küstenverteidigung verwendet werden.

Für die Abschlussarbeiten von "Bismarck" und "Tirpitz", die Superschlachtschiffe vom Typ H, erweiterte man bei Krupp das Kaliber auf 40,6 cm. nach dem dieser Schiffstyp gestrichen wurde, sind die Rohre 40,6 cm SK C/34 in Bettungsschießgeräten C/38 in der Küstenverteidigung verwendet worden.
Bei Ausbruch des 2. Weltkrieges rückten einiuge schwere Marine-Küstenbatterien in vorgefertigte Stellungen des Westwalls ein.

In den Südschwarzwald wurden die Batterien Oldenburg 24-cm SK L/50 und Friedrich August 30,5-cm SK L/50 verlegt. Von diesen Stellungen aus unterstützen sie den Angriff der 7. Armee ab 15. Juni 1940 durch die Maginot-Linie zwischen Straßburg und Mühlhausen.

Nach dem Waffenstillstand mit Frankreich hatte die deutsche Wehrmacht die Atlantikküste vom Nordkap bis zu den Pyrenäen besetzt.
Als England, der letzte Gegner im Westen, das Friedensangebot Deutschlands ausschlug, wurde unter dem Decknamen "Seelöwe" die Invasion auf den britischen Inseln vorbereitet.
Die Hauptlandung sollte mit der 9. und 16. Armee von der französischen Kanalenge aus, an der Südküste Englands zwischen Ramsgate und Brighton erfolgen.
Die überlegene britische Flotte gedachte man durch weitreichende Artillerie vom kanal fern zu halten. Hierzu wurden die Marine-Artillerie-Abteilungen 240, 242 und 244 gebildet und zwischen Calais und Boulonge stationiert.
Diesen neuen Artillerie-Abteilungen wurden vom Oberkommando der Marine (OKM) folgende Batterien zugeteilt:

Marine-Artillerie-Abteilungen 240
Batterie Friedrich August
Batterie Creche 1

Marine-Artillerie-Abteilungen 242
Batterie Siegfried (später Todt)
Batterie Großer Kurfürst
Batterie M III
Batterie M IV

Marine-Artillerie-Abteilungen 244
Batterie Schleswig Holstein (später Lindemann)
Batterie Bastion II
Batterie Oldenburg
BatterieM I
Batterie M II

Die Batterien erhielten die modernsten Feuerleitgeräte, die der marine zur Verfügung standen, vom 10-Meter-Entfernungsmesser bis zu den Funkmessgeräten (heute Radar) vom Typ "Freya" und "Würzburg". Ab April 1941 wurde jeder Abteilung auserdem einige Ultrarot-Wärmepeilgeräte zugeteilt.

In den nächsten Monaten verwandelte sich das Küstengebiet zwischen Calais und Boulogne in eine einzige große Baustelle. Von der Organisation Todt und den Marine-Festungsbaustäben wurden mit Hilfe von angeworbenen französischen Arbeitern Geschützfundamente gegossen, Bunker gebaut und Nachschublager angelegt.

Im Juni 1940 waren die Batterien Creche I und Bastion II feuerbereit. Am 7. Juni versenkte die Batterie Creche I vor Wissant ein englisches Schnellboot und wurde daraufhin im  Wehrmachtsbericht erwähnt. Besonders bewährte sich bei dem Gefecht das 3. Geschütz unter dem Feldwebel Hans Gebhard.

Bis zum Ende des Jahres 1940 waren alle Batterien, bis auf die Lindemann, einsatzbereit. Die Bauarbeiten, besonders an den Geschützbunkern, dauerten aber noch bis in das Frühjahr 1941. Die Bunker mit 4 m dicken Betonwänden schützten die Mannschaft und das Geschütz vor Bomben und Beschuss, setzten aber das Seitenrichtfeld auf ca. 120° herab.
Die Batterie Lindemann wurde erst 1941 an die Kanalküste verlegt, zuvor war sie auf Hela sschießtechnisch erprobt worden.

Neben den Marinebatterien hatte das Heer ebenfalls eine Anzahl schwerer Gechützbatterien am Kanal stationiert, darunter acht Eisenbahnbatterien mit Kaliber 17 cm bis 28 cm. Das Gros der Geschütze wurden nach beginn des Russlandkrieges abgezogen.
Im Herbst 1941 wurde eine Landung in England endgültig aufgegeben.
Aufgabe der Marine-Batterien am kanal war jetzt der Fernkampf mit England, dass bedeutete Beschuss der englischen Südküste mit den Häfn Ramsgate, Dover und Folkstone.
Auserdem sollte der Kanal für die feindliche Schifffahrt gesperrt werden.
Vom November 1942 bis Juni 1944 beschoss allein die Batterie Großer Kurfürst über vierhundertmal die englische Südküste. In den ersten 15 Monaten feuerten alle Batterien insgesamt 2.450 Geschosse ab, davon 1.242 auf feindliche Schiffe.

Mit dem Bau des Atlantikwalls ab dem Jahr 1942 bildeten die Marine-Artillerie-Abteilungen am Kanal das Kernstück dieser neuen Befestigungsanlage.
Vom Oberkommando der Wehrmacht (OKW) wurde angenommen, dass eine alliierte Invasion nur an der engsten Stelle zwischen England und dem besetzten Europa erfolgen würde.

Alle Batterien wurden jetzt zu eigenständigen Verteidigungsanlagen ausgebaut, mit ausgedehnten Minenfeldern, Elektrozäunen und Vernebelungsgeräten. Die Batterie Großer Kurfürst erheilt sogar eine hölzerne Scheinbatterie mit elektrischem Mündungsfeuer.
Am 6. Juni erfolgte die alliierte Invasion in der Normandie. Anfang August brachen die Landungstruppen aus ihren Brückenköpfen aus und am 25. August wurde Paris befreit und die Seine überschritten. Entlang der Kanalküste stürmten Truppen der 1. Kanadischen Armee vor. Am 10. September waren die Marine-Artillerie-Abteilungen in einem Kessel, der von Broulogne bis Calais  reichte, eingeschlossen.

Auf Führerbefehl wurde die Verteidigungszone zur festung erklärt und sollte gehalten werden, bis neue Angriffsarmeen zum Einsatz aufgestellt waren. Vorsorglich beschossen die Batterien Todt, Großer Kurfürst und Lindemann die englische Küste, um so ihren großen Munitionsvorrat aufzubrauchen.

Am 13. September versuchten die Kanadier mit der 7. Infanterie-Brigade und Panzern in der Festung bei Gris Nez einzudringen, wurden aber von den Marine-Artilleristen abgewehrt.
Nun rächte sich der Entschluss des OKM die Geschütze zu überbunkern. Bedingt durch den Seitenschwnkbereich von 120° und Schussrichtung auf See, konnten nur die Batterie Großer Kurfürst, ein Geschütz von der Batterie Creche I und zwei geschütze der Batterie MI in die Landkämpfe eingreifen.
Ob einige Geschütze aus den Bunkern genommen und an der Landfront provisorisch eingebaut wurden, konnte is Heute noch nicht geklärt werden.

Nach schweren Bombenangriffen gelang es den Kanadiern, am 17. September bei Boulogne in die Festung einzudringen. Nach harten Kämpfen um jeden Bunker fielen am 18. die Batterien Friedrich August und Creche.
Am 21. September war ganz Boulogne in kanadischer Hand, ein Teil der Besatzung konnte sich nach Gris Nez durchschlagen und dort die Verteidigung verstärken.

Am 25. September griffen die Kanadier mit Infanterie und drei Panzerabteilungen der 79. Panzerdivision die Batterie Lindemann an.
Für die Erstürmung des Atlantikwalls hatte man in England eine Reihe von Spezialfahrzeugen gebaut. Auf die Fahrgestelle des Churchill Mark III und Mark IV Panzers wurden Mörser oder Minenwerfer im Kaliber 29 cm gesetzt. Dieses Geschoss, mit einer speziell für das Knacken von Betonbefestigungen entwickelten Sprengladung, konnte bis auf eine Entfernung von 120 m verschossen werden.
Auf das Fahrgestell des Churchill Mark VII Panzers wurde eine Flammenwerferkanone gesetzt. Die Reichweite dieser Kanone lag bei 70 bis 100 m. Die 400 l Brennflüssigkeit wurden in einem gepanzerten Anhänger mitgeführt.
Daneben gab es noch Minenräumpanzer und Brückenlegepanzer. Drei Abteilungen der 79. panzerdivision waren mit diesen Spezialfahrzeugen ausgerüstet und gründlich auf Erstürmung der Fernkampfbatterien am kanal vorbereitet worden.

Durch die vorhergegangenen Bombenangriffe auf die Batterie Lindemann waren fast alle Nahverteidigungsanlagen zerstört worden, so konnten Panzer und Infanterie schnell zu den geschützbunkern vordringen.
Auch das Feuer der Batterie Großer Kurfürst auf die Angreifer konnte nicht merh helfen. Besonders durch die schreckliche Wirkung der Flammenwerferpanzer wurden bis Abend des 26. alle drei Türme niedergekämpft.
Die Batterie M II bei Sangatte fiel am selben Tag. Nun konnten die Panzer ungehindert entlang der Küstenstrasse gegen Gris Nez und Calais vorgehen.

Am 29. September begann der Endkampf um die Batterien bei Gris Nez, Todt und Großer Kurfürst.
Die Besatzung von Turm 1 der Batterie Todt ergab sich um die Mittagszeit, nach dem es einem Flammenwerferpanzer gelungen war, durch die Schartenöffung das Innere des Turmes in Brand zu setzen. Kurz danach fiel Turm IV ebenfalls durch Brand im Turm.
Nachmittags wehte auf dem Leistand und der Batterie M IV am Cap die weiße Fahne.
Bis in die Abendstunden konnten sich die Besatzungen der Türme II und III noch gegen die Kanadier wehren, aber dann wurden auch sie überwältigt.
Einzelne Artilleristen gelang es, sich in der Nacht durch das Trichterfeld abzusetzen um so nicht in Gefangenschaft zu geraten. Aber nur wenige schafften es bis in die Heimat.

Am 29. wurde ebenfalls die Batterie Großer Kurfürst niedergekämpft. Als letze Marinebatterie am Kanal´fielen am 30. Spetember die Batterien Oldenburg und M I bei Calais.
Damit hatten die Marine-Artillerie-Abteilungen 240, 242 und 244 aufgehört zu bestehen.

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