Vorkriegsgeschichte Bedeutende Ereignisse 1938: Anschluss des Sudetenlandes
1938: Anschluss des Sudetenlandes

Vorgeschichte
Die Gebirge rund um Böhmen und Mähren hiesen bis 1945 Sudeten, daher kommt auch der Begriff "Sudetendeutsche".
Die deutsche Besiedelung der Gebiete Böhmen und Mähren geht auf das Jahr 1204 zurück, in dem die böhmischen Könige deutsche Bauern, Handwerker und Kaufleute dazu aufriefen, diese Gebiete zu besiedeln und Entwicklungshilfe zu leisten. Dies blieb über 700 Jahre der Fall.  Die Deutschen, genauso wie die Tschechen sind dort Angehörige des hansburger Reichs.
Nach dem Untergang der Habsburger Monarchie Ende 1918, rufen die Abgeordneten der deutschsprachigen Wahlkreise Böhmens, Nordmährens und Österreichisch-Schlesiens die „Provinz Deutschböhmen“ aus und teilen der Wiener Nationalversammlung und dem US-Präsidenten Wilson mit, daß die Provinz ein Teil Deutsch-Österreichs werden soll. Trotz dieses klaren Votums landen die Sudetendeutschen 1918 erst durch die militärische Gewalt der Tschechen und dann 1919 durch den Spruch der Siegermächte im Staat der Tschechen und Slowaken.

Die Tschechoslowakei ist ein erst 1919 entstandener Kunststaat. Der Doppelname Tschechoslowakei verweist auf nur die Völker der Tschechen und Slowaken. Er verschleiert, daß die größten Völker die Tschechen mit 6,7 Millionen Bürgern und die Sudetendeutschen mit 3,1 Millionen Bürgern sind.
Das Leben der Sudetendeutschen erweist sich schnell als äuserst schwer, da der Staatsapparat, die Polizei und das Militär überwiegend tschechisch sind. Wirtschaft, Schulen und Verwaltung in den bis dahin rein und überwiegend deutsch bewohnten Städten und Gemeinden werden gegen den Willen der ansässigen Bevölkerung und auch gegen die Garantien der Verfassung mit Nachdruck tschechisiert, was sich wie folgt entwickelte:

  • alle deutschen Schulen müssen schliesen
  • alle deutschen beamte werden aus ihren Ämtern entfern.
  • die deutschen Städte werden umgetauft und erhalten fortan tschechische Namen
  • alle deutschen Landerwerbungen seit 1620 werden enteignet.
Die Lage spitzt sich zu
In den 20er- und 30er-Jahren nimmt der Verduss, gegenüber der tschechischen Herrschaft, seitens der Sudetendeutschen immer mehr zu. 1933 wird sogar eine Bewegung namens "Sudetendeutsche Heimatfront" ins Leben gerufen, die sich bald zu der "Sudetendeutsche Partei" (SdP) entwickelt, die im Mai 1935 schon stärkste Partei im Land ist.
Die Sudetendeutschen und die Slowaken drängen nun auf die  innere Autonomie der Nationen im Vielvölkerstaat Tschechoslowakei, doch der Ministerpräsident lehnt diese Forderungen vehement ab. Der Gründer der Sudetendeutschen Partei, ein 35-Jähriger Sudetendeutscher namens Henlein, richtet darauf hin am 19. November 1937 ein schriftliches Ersuchen an Hitler um die deutsche Bevölkerung in der Tschechoslowakei zu unterstützen. Dies ist sein erster Hilferuf nach außen, der letzte Schritt vor der offiziellen Bitte, die Sudetengebiete dem Deutschen Reiche anzugliedern.

Hitler verlangt daraufhin von der Staatsführung in Prag, "die Sudetendeutschen anständig zu behandeln". Doch bereits seit Anfang 1937 hegte Hitler die Absicht die Tschechei "eines Tages" zu erobern und wie vor 1918 in das Deutsche Reich einzugliedern. Aus einer Weisung an die Wehrmacht vom 21. Dezember 1937 entnimmt man, daß Hitler zu der Zeit noch keine schnelle Lösung anvisiert. Es heißt dort:
 „Entwickelt sich die politische Lage nicht oder nur langsam zu unseren Gunsten, so wird damit auch die Auslösung des Falles „Grün“ von unserer Seite her noch um Jahre hinausgeschoben werden müssen.“

Grün ist fortan der Tarnname der Wehrmacht für die Tschechoslowakei. Hitler läßt intern die Eroberung der Tschechoslowakei vorbereiten und verlangt nach außen und öffentlich nicht mehr, als daß die Staatsführung in Prag „die Sudetendeutschen anständig behandelt”. Am 21. April 1938 gibt Hitler dem Oberkommando der Wehrmacht den Auftrag, sich mit der Tschechoslowakei zu befassen und die Möglichkeit eines Angriffs gegen sie zu untersuchen.

Im Februar 1938 bietet die tschechische Regierung den Sudetendeutschen Zugeständnisse bei der Pflege und Anerkennung der deutschen Sprache und Kultur an, doch sie verbinden dieses Angebot mit einer scharfen Zurückweisung aller Forderungen nach Autonomie der Nationen innerhalb der Tschechoslowakei. Die Anerkennung der deutschen Sprache und Kultur ist jedoch nur das, was den Sudetendeutschen nach der tschechoslowakischen Verfassung ohnehin schon zugestanden hätte.
Am 20. Februar 1938 äußert sich Hitler zum ersten Male öffentlich zum Los der Deutschen in der Tschechoslowakei. Er fordert in einer Reichstagsrede das von Amerika proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Völker auch für die Deutschen in Österreich und in der Tschechoslowakei. Hitler verlangt mit seiner Februar-Rede vor dem Reichstag noch keinen Anschluss.

Die "DAILY MAIL" (britische Tageszeitung) kommentiert den Zustand am 6. Mai 1938 in einem Leitartikel:
"Die Deutschen sind ein sehr geduldiges Volk. Ich kann mir auch nicht einen Augenblick lang vorstellen, daß Großbritannien zwanzig Jahre lang ruhig zugesehen hätte, wie drei und eine halbe Million Briten unter der Knute eines durch und durch verabscheuten Volkes lebten, das eine fremde Sprache spricht und eine völlig verschiedene nationale Weltanschauung hat. Soweit ich meine Landsleute kenne, wären sie nach wenigen Jahren gegen eine solche Vergewaltigung eingeschritten.”

Auf einem Parteitag der SdP im April 1938 verkündet Henlein das "Karlsbader Programm", nachdem folgendes von der tschechischen Regierung verlangt wurde:
  • volle Gleichberechtigung der deutschen Volksgruppe mit der tschechischen
  • eine deutsche Selbstverwaltung für die Angelegenheiten der Deutschen in den Sudetenlanden
  • einen gesetzlichen Schutz für die Deutschen und die volle Freiheit des Bekenntnisses zum deutschen Volkstum und zur deutschen Weltanschauung.
Er verlangt damit noch keinen Anschluß der Sudetenlande an das Deutsche Reich.
Kaum dass das "Karlsbader Programm“ verkündet worden ist, verlangen die Slowaken, die Polen und die Ungarn in der Tschechoslowakei die gleiche Autonomie für sich.
England und Frankreich drängen nun die Tschechoslowakei mit den Sudetendeutschen zu verhandeln, doch Henlein geht jetzt nicht mehr darauf ein. Im Mai 1938 werden bei Übergriffen 3 Sudetendeutsche getötet und 130 verletzt, viele davon schwer. Dazu kommen 40 Überfälle mit Mißhandlungen von sudetendeutschen Bürgern in der Tschechoslowakei.

Am Rande des Krieges
Am 20. Mai ruft der tschechische Präsident Beneš rund 180.000 Reservisten zu den Waffen und macht mobil, mit der Begründung, Deutschland habe vorher mobil gemacht. Die Tschechen behaupteten das bereits 8-10 Divisionen der Wehrmacht in Richtung Tschechei marschieren würden. Alle beiden Behauptungen waren falsch und sollten der Versuch sein, die Briten, Russen und Franzosen für sich -und damit gegen Deutschland- zu gewinnen.
Anfang August 1938 sendet die britische Regierung eine Sonderkommissin unter der Leitung von Botschafter Ruciman nach Prag, um dort den Stand der sudetisch-tschechischen Differenzen zu ermitteln und wenn nötig zu vermitteln. Ruciman stellt sehr schnell fest, dass die besagten  Differenzen schon derart fortgeschritten sind, so das jeder Vermittlungsversuch zum Scheitern verurteilt wäre.
In seinem Bericht vom 21. September 1938 schreibt Ruciman folgendes:
"Mein Eindruck ist, daß die tschechische Verwaltung im Sudetengebiet, wenn sie auch in den letzten 20 Jahren nicht aktiv unterdrückend und gewiß nicht “terroristisch” war, dennoch einen solchen Mangel an Takt und Verständnis und so viel kleinliche Intoleranz und Diskriminierung an den Tag legte, daß sich die Unzufriedenheit der deutschen Bevölkerung unvermeidlich zu einem Aufstand fortentwickeln mußte. ...Sogar“ so beklagt Runciman, “jetzt noch, zur Zeit meiner Mission, habe ich bei der tschechischen Regierung keinerlei Bereitwilligkeit gefunden, diesem Sachverhalt in erschöpfendem Maße abzuhelfen.”
Runciman schließt mit der Empfehlung, die Grenzbezirke mit überwiegend deutscher Bevölkerung unverzüglich von der Tschechoslowakei zu trennen und Deutschland anzugliedern.
England und Frankreich warnten Deutschland nun, Gewalt zugunsten der Sudetendeutschen anzuwenden. England lehnte jedoch eine Garantieerklärung für die Tschechosowakei ab.

Der britische Ausenminister Chamberlain nimmt sich der Sache an und versucht zu vermitteln, er bietet Hitler an, gemeinsam eine friedliche Lösung des Problems zu finden. Hitler fordert lediglich eine Volksabstimmung in den von Deutschen bewohnten Gebieten, betonte jedoch die Probleme der Sudetendeutschen "so oder so aus eigener Initiative lösen”.
Diese Drohung wurde in England gut verstanden und Chamberlain bemühte sich weiters auf die tschechische Regierung einzuwirken. Hitler versicherte Chamberlain, dass die Wehrmacht so lange nicht marschieren würde, wie die englisch-deutschen Gespräche laufen würden.
Am 19. September forden die Engländer und Franzosen die tschechische Regierung auf alle Gebiete mit über 50% sudetendeutscher Bevölkerung -mit oder ohne Volksabstimmung- an das Deutsche Reich zu übergeben, doch die tschechische Regierung lehnte dies vorerst ab. Jedoch kurze Zeit später schwenkte die tschechische Regierung um und erklärte, dass die tschechoslowakische Regierung im Falle eines Krieges ohne britische Unterstützung zum Nachgeben bereit wäre.
Der tschechische Staatspräsident Beneš versuchte nun zu retten was noch zu retten war und schlug vor, böhmische Landesteile mit 800-900.000 Sudetendeutschen an Deutschland abzutreten und dafür 1,5 bis 2 Millionen Sudetendeutsche aus der Tschechoslowakei nach Deutschland auszusiedeln. Nach dem dieser Vorschlag von allen Seiten als Nutzlos angesehen wurde, fragte Beneš am 19. September in Moskau an, ob die Sowjetunion ihn im Falle eines Krieges gegen Deutschland unterstützen würde. Doch auch hier lehnte die sowjetische Regierung ab.

Nach einem Regierungswechsel in der Tschechoslowakei verkündet diese die allgemeine Mobilmachung und ruft 1,5 Mio. Soldaten zu den Waffen. Deutschland lässt daher die Wehrmacht mit 7 Divisionen aufmarschieren. Die Tschechoslowakei lehnte weiterhin Hitlers Forderungen (auch wegen der geforderten Volksabstimmung) ab und bringt ihr Heer auf mittlerweile 43 Divisionen. Hitler setzte der tschechischen Regierung nun ein Ultimatum, nach dem bis 28. September alle Forderungen zu erfüllen seien. Andernfalls wede die Wehrmacht am 1. Oktober die Sudetengebiete mit Gewalt besetzen.

Der Anschluss
Dank der Vermittlung des italienischen Ministerpräsidenten Mussolini kommt es am 29. und 30. September 1938 (Die Münchner Konferenz) dann doch zu einer Lösung. Hilter lädt die Staats- und Regierungschefs aus England, Frankreich und Italien ein um zu vehandeln. Die wesentlichen Punkte dieser Verhandlungen waren:
  • Die Räumung der vorwiegend deutsch bewohnten Sudetengebiete beginnt am 1. Oktober
  • Ein internationaler Ausschuß unter tschechischer Beteiligung bestimmt zusätzliche Gebiete, in denen die spätere Zugehörigkeit durch eine Volksabstimmung geklärt wird.
  • Ein Optionsrecht für Tschechen und Sudeten innerhalb von sechs Monaten stellt einen freiwilligen Bevölkerungsaustausch sicher.
Dieses Abkommen der vier beteiligten Mächte, wurde mit der dringenden Empfehlung dieses umgehend anzunhemen, der tschechischen Regierung vorgelegt.
Bis zum 10. Oktober 1938 werden die Sudetengebiete mit zirka 3 Millionen Deutschen dem Deutschen Reiche angeschlossen. Damit sind der Wählerwille und das Selbstbestimmungsrecht der Bürger in der 1918 ausgerufenen „Provinz Deutschböhmen“ mit 20jähriger Verzögerung doch noch eingelöst worden.

Nach dem Krieg
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Münchner Abkommen 1945 annuliert un diente den Tschechen und Siegermächten, die Vertreibung der Sudetendeutschen aus ihrer angestammten Heimat zu begründen.
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